A B C D E F G K L M P Q R S T 

Lebensbegleitendes Lernen

Dem Konzept des lebensbegleitenden (auch: lebenslangen) Lernens liegt die Erkenntnis zugrunde, dass es aufgrund der verkürzten Gültigkeit von einmal erworbenem Fachwissen erforderlich ist und in der Zukunft noch wichtiger sein wird,
sich im Lebensverlauf individuell neues Wissen anzueignen.
Das Konzept will die bereits existierenden individuellen Weiterbildungsmaßnahmen, die nicht unbedingt miteinander verknüpft sind, in einem schlüssigen Konzept zusammenführen und dabei alle Formen des Lernens – ↑formales, nicht-formales und informelles Lernen – einbeziehen. Während es in vielen Ländern "normal" ist, wenn Hochschul­absolventen später wieder ein Hochschulstudium in Vollzeit- oder – wahrscheinlicher – Teilzeitform aufnehmen, ist dies in Deutschland noch eher die Ausnahme. Durch die neue Struk­turierung der Hochschulen wird dies in der Zukunft jedoch erleichtert. Es wird angestrebt, das lebensbegleitende Lernen
als eine selbstverständliche Kultur zu entwickeln. Das Konzept des lebensbegleitenden Lernens profitiert sehr
stark von dem europäischen beziehungsweise dem jeweiligen nationalen ↑Qualifikationsrahmen, der alle erreichbaren Quali­fikationen bezogen auf die jeweiligen Niveau- oder Lernstufen auf der Basis von ↑Lernergebnissen und damit verbundenen ↑Kompetenzen, die mit Leistungspunkten (↑Leistungspunkt­system) versehen sind, beschreibt. So wird eine Vorstellung vermittelt, welcher Arbeitsaufwand normalerweise eingesetzt werden muss, um diese Lernergebnisse erfolgreich zu erzielen. Das formale Lernen wird durch ↑Module strukturiert und die beschriebenen Lernergebnisse sind Orientierungspunkte sowohl für das nicht-formale als auch für das informelle Lernen. Das Konzept eines lebensbegleitenden Lernens unterstellt somit keine konsekutiv aufbauende Abfolge von Modulen, Lernergebnissen und Ähnlichem, sondern setzt sich aus formalen, nicht-formalen und informellen Lernelementen zusammen, die durch eine ge­plante Kombination zu Profilen von Lernwegen führen. Dadurch wird deutlich, dass das heute vorherrschende institutionalisierte Lernangebot zukünftig stärker nachfrageorientiert organisiert sein wird, das heißt individualisierte Lernwege in den Vordergrund rücken werden. In Deutschland zeigt sich ein heterogenes Bild, da die ↑Aner­kennung sehr individuell durch Hochschulen beziehungsweise nach Gesetzen der Bundesländer durchgeführt wird, ohne dass in der Regel Lernergebnisse berücksichtigt werden. Allgemeine Regelungen gibt es kaum und erst recht keine Transparenz, so wie sie zum Beispiel vom ↑ECTS zwingend vorgegeben ist. Informelles Lernen wird nicht erkennbar berücksichtigt. Hier könnten allerdings die so genannten Eingangsprüfungen ange­führt werden, die es Studierwilligen ohne formale Hochschul­zugangsberechtigung ermöglichen, durch eine Prüfung die Eignung zum Studium nachzuweisen. Der Anteil der auf diese Art und Weise eingeschriebenen Studierenden ist jedoch sehr gering (↑Accreditation of prior learning (APL); ↑Accreditation of prior experiential learning (APEL)). Der Nationale Bericht für Deutschland 2004 belegt das lebens­begleitende Lernen mit dem Begriff "Weiterbildung" und weist darauf hin, dass diese auch zu den Aufgaben der Hochschulen gehört.[1] Durch die neuen Studienstrukturen könnten die Hoch­schulen flexibler auf Bedürfnisse der Berufswelt eingehen. Die Bund-Länder-Kommission (KMK) hat beschlossen, Institutionen zu ermutigen, transparente Übergänge zwischen den Bildungs­bereichen zu ermöglichen und sie zugleich zu erweitern. Dazu sollten Kooperationen zwischen Hochschulen, Schulen, Unter­nehmen, Verbänden, der Arbeitsverwaltung und Weiterbildungs­einrichtungen gebildet und gefördert werden. Weitere Entwick­lungen werden durch das Programm "Lernende Regionen – Förderung von Netzwerken" des Bundesministeriums für
Bildung und Forschung (BMBF) angestoßen. Zurzeit bestehen 71 derartige Netzwerke, die aus Mitteln des BMBF und des Europäischen Sozialfonds finanziell unterstützt werden. Bedeutsam ist in diesem Zusammenhang, dass das BMBF, die Kultusministerkonferenz (KMK) und die Hochschulrektoren­konferenz (HRK) im September 2003 den Hochschulen emp­fohlen haben, berufliche Fortbildung mit Leistungspunkten zu versehen, um eine Anrechnung für den Hochschulbereich zu erleichtern. Maximal können nach dieser Empfehlung bis zu 50 % der erworbenen Leistungspunkte auf ein Hochschulstudium angerechnet werden.
VG

[1] Vgl. Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder
in der Bundesrepublik Deutschland, Bundesministerium für Bildung und
Forschung: Realisierung der Ziele des Bologna-Prozesses. Nationaler Bericht
2004 für Deutschland von KMK und BMBF (unter Mitwirkung von HRK,
DAAD, Akkreditierungsrat, fzs und Sozialpartnern); URL: http://www.bmbf.de/
pub/nationaler_bericht_bologna_2004.pdf
(5.5.2006).

 
© Ost-West-Wissenschaftszentrum