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ECTS – Europäisches System zur Übertragung und Akkumulierung von Leistungspunkten

Das Europäische System zur Übertragung und Akkumulierung von Leistungspunkten (ECTS – European Credit Transfer and Accumulation System) ist ein auf die Studierenden ausgerichtetes System. Basis ist die ↑Arbeitsbelastung, die die Studierenden absolvieren müssen, um die Ziele eines Lernprogramms zu erreichen. Diese Ziele sind vorzugsweise in Form von ↑Lern­ergebnissen und zu erwerbenden ↑Kompetenzen festgelegt.[1] Das ECTS wurde 1989 im Rahmen des europäischen Mobilitäts­programms ERASMUS (inzwischen Teil des SOKRATES-Programms) eingeführt. Es ist das einzige ↑Leistungspunkt­system, das mit Erfolg getestet wurde und das in ganz Europa verwendet wird. Ursprünglich für die Übertragung (Transfer) von Studienleistungen eingerichtet, erleichterte ECTS die Anerken­nung von Studienaufenthalten im Ausland und verbesserte damit Qualität und Umfang der Studierendenmobilität in Europa. Seit einiger Zeit wird ECTS zu einem Akkumulierungssystem weiter­entwickelt, das auf institutioneller, regionaler, nationaler und europäischer Ebene realisiert werden soll. Dies stellt eines der zentralen Ziele der Bologna-Erklärung (1999) dar. -  Das ECTS basiert auf der Übereinkunft, dass die Arbeitsbe­lastung von Vollzeitstudierenden während eines akademischen Jahres 60 ECTS-Leistungspunkte ergibt. Die Arbeitsbelastung von Studierenden im Rahmen eines Vollzeit-Studiengangs be­trägt in Europa in den meisten Fällen etwa 1500-1800 Arbeits­stunden pro Jahr und entspricht somit 25-30 Arbeitsstunden pro Leistungspunkt. -  Die Leistungspunkte im ECTS erhalten Studierende erst nach einem erfolgreichen Abschluss der zu leistenden Arbeit und einer entsprechenden Beurteilung der erzielten Lernergebnisse. Bei diesen Ergebnissen handelt es sich um Kompetenzen, die verdeutlichen, was die Studierenden nach Abschluss eines Lernprozesses wissen, verstehen oder leisten können. -  Das Arbeitspensum der Studierenden im ECTS schließt die gesamte Zeit ein, die auf Vorlesungen, Seminare, Selbst­studium, Vorbereitung auf und Teilnahme an Prüfungen und
so weiter verwendet wird. -  Leistungspunkte werden allen Komponenten eines Studien­gangs zugeteilt (beispielsweise ↑Modulen, Kursen, Praktika, Abschlussarbeiten und so weiter) und geben die Arbeits­belastung wieder. Jede Komponente erfordert das Erreichen spezifischer Ziele oder Arbeitsergebnisse im Verhältnis zur gesamten Arbeitbelastung, die notwendig ist, um ein ganzes akademisches Studienjahr erfolgreich abzuschließen. ECTS bedingt also die Orientierung am Lernenden, hat die Arbeitsbelastung des Lernenden als Grundlage, setzt das Er­reichen der Ziele des Lernprogramms voraus und hat die Lern­ergebnisse definiert. Die ECTS-Leistungspunkte belegen die quantitative Anforderung zum Erreichen der qualitativen Lern­ergebnisse, indem sie die Arbeitsbelastung definieren, die zum Erreichen der Lernergebnisse normalerweise erforderlich ist.
Mit der Fokussierung auf den Studierenden bedeutet ECTS einen entscheidenden Paradigmenwechsel für die Organisation des Studiums und seiner Inhalte. In einem weiter gefassten Kontext ist ECTS ein Instrument der ↑Qualitätssicherung, es unterstützt die Internationalisierung, ermöglicht die ↑Mobilität durch ↑Transfer und Akkumulation von Leistungspunkten, ist die Basis der Konzeptionen des ↑lebensbegleitenden Lernens und ist in Ergänzung zum
↑Diploma Supplement ein Instrument zur Anerkennung und
der Transparenz. In Deutschland ist ECTS eine der Voraussetzungen für die ↑Akkreditierung eines Studienprogramms. Gegenwärtig wird
die Beachtung der ECTS-Kriterien von den ↑Akkreditierungs­agenturen jedoch sehr uneinheitlich gehandhabt. Dies gilt
zum einen für die Anzahl der Leistungspunkte pro Semester beziehungsweise Jahr, für die Anzahl der Leistungspunkte bei Weiterbildungsstudiengängen, insbesondere für berufsbegleitende oder auch Fernstudiengänge, sowie auch für den Einsatz der ECTS-Instrumente, wie ↑ECTS-Lernvereinbarung, ↑Abschrift der Studiendaten (ECTS) und ↑ECTS-Informationspaket/
Veranstaltungskatalog. Weil auch die Beschreibung der Lernergebnisse noch häufig unzureichend vorgenommen wird, ergeben sich zwischen dem für das Erreichen der Lernergebnisse vorgesehenen und dem tatsächlichen Arbeitsaufwand erhebliche Diskrepanzen. Der Paradigmenwechsel in diesem Bereich be­wirkt offensichtlich einen erheblichen Bedarf an Informations- und Erfahrungsaustausch. Auch die Informationspakete gleichen häufig eher erweiterten Vorlesungsverzeichnissen als einem umfassenden Informationsangebot für Studierende im Sinne der ECTS-Kriterien. Der Einsatz der weiteren ECTS-Instrumente
wie Lernvereinbarungen und Abschriften der Studiendaten wird in der Regel von den Akkreditierungsagenturen noch nicht gefordert. Im "Nationalen Bericht 2004 für Deutschland" über die Reali­sierung der Bologna-Ziele wird hervorgehoben, dass die Module in den gestuften Studiengängen (↑gestufte Studienstruktur) mit ECTS-Leistungspunkten versehen werden müssen.[2] Einseitig wird darin der quantitative Aspekt von ECTS betont und das ECTS als ein "rein quantitatives Maß für die Gesamtbelastung des Studierenden durch die für den erfolgreichen Abschluss des Studiums erforderlichen Studien- und Prüfungsleistungen" dargestellt. Auch die Festlegung von 30 Stunden für einen Leistungspunkt als Arbeitsbelastung ist dort angegeben.[3]
VG

[2] Sekretariat der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der
Bundesrepublik Deutschland, Bundesministerium für Bildung und Forschung:
Realisierung der Ziele des Bologna-Prozesses. Nationaler Bericht 2004 für
Deutschland von KMK und BMBF (unter Mitwirkung von HRK, DAAD,
Akkreditierungsrat, fzs und Sozialpartnern); URL: http://www.bmbf.de/pub/
nationaler_bericht_bologna_2004.pdf
(3.5.2006).

[3] Siehe oben, S. 9.

 
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