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Bologna-Prozess

Der Anfang der europäischen Integrations- und Kooperations­bestrebungen im Bereich der Hochschulbildung kann je nach Betrachtungsweise zu unterschiedlichen Zeitpunkten angesetzt werden: mit der Sorbonne-Erklärung der Bildungsminister von Frankreich, Italien, Großbritannien und Deutschland (Mai 1998), der Lissabon-Konvention zur Anerkennung der Hochschul­qualifikationen innerhalb Europas (April 1997), der Deklaration Magna Charta Universitatum von 326 europäischen Hochschulen (September 1988), der Gründung des ERASMUS-Programms (1987), den gemeinsamen Studienprogrammen (Joint Study Programmes), die von 1976 bis 1986 gefördert wurden oder mit noch weiter zurückliegenden Ereignissen. Im Juni 1999 fiel jedoch auf der Konferenz von 29 europäischen Bildungsministern in Bologna erstmals der Begriff "Europäischer Hochschulraum" sowie eine konkrete Zeitvorgabe für seine Errichtung bis zum Jahr 2010. Für den vielfältigen Prozess des Zusammenwachsens Europas auf dem Gebiet der Hochschulbildung hat sich von diesem Zeitpunkt an die Bezeichnung "Bologna-Prozess" etabliert. Der Bologna-Konferenz (1999) folgten Konferenzen der euro­päischen Bildungsminister in Prag (2001), Berlin (2003) und Bergen (2005), auf denen die erzielten Fortschritte bilanziert sowie Prioritäten für die folgenden Jahre festgelegt wurden.
Die nächste Konferenz ist für Mai 2007 in London einberufen worden.[1] Das übergreifende Ziel des Bologna-Prozesses ist die Errichtung eines gemeinsamen ↑Europäischen Hochschulraums (EHR)
mit vergleichbaren Strukturen (etwa hinsichtlich der Art und Dauer der Studiengänge) und Abschlussbezeichnungen, dem ↑Leistungspunktsystem ↑ECTS, dem ↑Diploma Supplement, verbesserten Verfahren der ↑Anerkennung und einem europaweit vernetzten System der ↑Qualitätssicherung. Dadurch sollen die grenzüberschreitende Kooperation und die ↑Mobilität von Studierenden, Lehrenden und Absolventen erleichtert sowie die internationale Wahrnehmung und Attraktivität des Europäischen Hochschulraums erhöht werden. Zwischen den Minister-Konferenzen beziehungsweise in Vor­bereitung auf diese finden Treffen verschiedener Organisationen und Gruppen statt, die ihre Positionen zum und im Bologna-Prozess artikulieren. Zu diesen Gruppen zählen insbesondere die Europäische Hochschulvereinigung ↑EUA – European University Association und die europäische Dachorganisation der nationalen Studierendenorganisationen ↑ESIB – The National Unions of Students in Europe. Zwischen den Konferenzen wird der Bologna-Prozess von der ↑Bologna-Follow-up-Gruppe (BFUG) koordiniert. Parallel zu diesen Abstimmungsprozessen auf europäischer Ebene gab es in Deutschland seit den 1960er Jahren nationale Überlegungen zur Notwendigkeit einer Reform des deutschen Hochschulsystems, die auf der Feststellung unterschiedlicher Defizite basierten: mangelnde Internationalität und Kom­patibilität der Studiengänge sowie der Abschlüsse, lange Studienzeiten und hohe Abbrecherquoten, unzureichender Praxisbezug und fehlende Qualitätssicherungsysteme in Forschung und Lehre. Deutschland hat sich in einer Reihe von internationalen und nationalen Erklärungen verpflichtet, bis 2010 die Ziele der Bologna-Erklärung umzusetzen und am Aufbau des EHR mit­zuwirken. Diese Verpflichtung bringt umfassende Veränderungen für die deutschen Hochschulen mit sich. Die Reform hat Aus­wirkungen auf die Studiengangsstruktur und die Studiengangs­inhalte, auf Organisationsabläufe, auf Prozesse in den Verwal­tungen und Entscheidungen der Studierenden. Eine der größten Herausforderungen ist die Einführung der ↑Bachelor- und ↑Master-Studiengänge und die damit zusammenhängenden Neuerungen wie ↑ECTS, ↑Modularisierung, Orientierung an ↑Lernergebnissen, ↑Diploma Supplement und ↑Akkreditierung. Die Umsetzung der Ziele des Bologna-Prozesses an deutschen Hochschulen wird von der Nationalen Bologna-Follow-up-Gruppe koordiniert und von der Service-Stelle Bologna und dem Kompetenzzentrum Bologna der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) unterstützt.[2] Aktuelle Informationen und Daten zum Stand der Umsetzung sind zum Beispiel im Nationalen Bericht für Deutschland von der Kultusministerkonferenz (KMK) und dem Bundesministerium
für Bildung und Forschung (BMBF) oder in der Publikation "Statistische Daten zur Einführung von Bachelor- und Master­studiengängen" von der HRK zu finden (↑Stocktaking).[3]
EB

[1] Weitere Informationen unter URLs: http://www.dfes.gov.uk/bologna/ (3.5.2006); http://www.bologna-bergen2005.no/ (3.5.2006);
http://www.bologna-berlin2003.de/ (3.5.2006).

[2] Siehe URL der Service-Stelle Bologna der HRK: http://www.hrk-bologna.de (3.5.2006).

 
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